Folge 1 zum Berufsfeld "Projektgestaltung"
Wie gelingt der Einstieg in das Berufsfeld Projektgestaltung? Wie kann ein typischer Tag aussehen? Und welche Kompetenzen aus dem Studium helfen im späteren Berufsleben?
Wir haben mit Cosima Nellen und Julia Wohlgefahrt gesprochen, die selbst Rehabilitationspädagogik studiert haben und heute im Berufsfeld Projektgestaltung arbeiten. Im Podcast erzählen sie von ihrem Weg vom Studium in die Praxis, geben Einblicke in ihren Arbeitsalltag und berichten, welche Erfahrungen sie auf ihrem beruflichen Weg gesammelt haben.
Neben dem vollständigen Gespräch findet ihr ausgewählte Fragen und Antworten auch als einzelne Hörbeiträge. So könnt ihr gezielt in Themen hineinhören, die euch besonders interessieren.
Der ganze Podcast
Wer seid ihr und was macht ihr aktuell beruflich?
Michélle Möhring:
Ja, herzlich Willkommen zu unserem Podcast rund um Wege und Berufsperspektiven in der Rehapädagogik. Hier sprechen wir mit ehemaligen Studierenden darüber, wo sie heute arbeiten, wie sie dort hingekommen sind und was euch im Studium wirklich weiterbringt. In dieser ersten Folge schauen wir uns ein Berufsfeld an, das oft etwas abstrakt klingt, aber unglaublich vielfältig ist, nämlich das Projektmanagement. Ich freue mich sehr, heute zwei Gäste begrüßen zu dürfen. Cosima Nellen vom Referat für Teilhabe und Inklusion des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Recklinghausen und Julia Wohlgefahrt vom Modellprojekt BRAVO bei der Stiftung Bethel im Stiftungsbereich Bethel.regional. Schön, dass ihr beide da seid. Und bevor wir jetzt gleich tiefer einsteigen, stellt euch beide doch bitte einmal ganz, ganz kurz vor. Wer seid ihr? Was macht ihr aktuell beruflich? Genau. Cosima, magst du starten?
Cosima Nellen:
Ja, kann ich gerne machen. Hallo, ich bin Cosima. Ich bin 31 Jahre alt und ich habe, ich glaube, 2013 angefangen mit dem Bachelor Rehapädagogik und habe anschließend den Master in Rehawissenschaften hier an der TU Dortmund gemacht und habe parallel als wissenschaftliche Hilfskraft und nachher als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet und bin dann in die Praxis übergewechselt und arbeite jetzt seit, ich glaube, 2022 im Referat Teilhabe und Inklusion im Diakonischen Werk im Kirchenkreis Recklinghausen.
Michélle Möhring:
Super, danke. Julia, wie ist es bei dir?
Julia Wohlgefahrt:
Bei mir war es so, dass ich eigentlich erst mit Lehramt angefangen habe und ich habe mich tatsächlich in der Fakultät verlaufen und habe dann gesehen, welche Studieninhalte die Rehapäds so machen und habe dann nochmal umgeschwenkt. Ich bin 38 Jahre alt und bin Heilerziehungspflegerin und rechtliche Betreuerin und habe studiert von 2019 bis 2022. Bei mir muss man aber noch dazu sagen, dass das auch so richtig in diesen fetten Corona-Jahren war. Das heißt also, mein letztes Studienjahr mit dem Projektstudium, das haben wir fast zu Hause absolviert und da gab es einfach nochmal andere Restriktionen als wir sie heute vielleicht noch so in Erinnerung haben. Wie bin ich zu meinem Studium oder zu meinem jetzigen Arbeiten gekommen? Ich habe während des Studiums schon im Pixellabor in Bielefeld gearbeitet und habe da quasi Stück für Stück die jetzigen Tätigkeiten, die ich ausübe, schon kennengelernt und bin da reingewachsen. Aber ich habe eben im Vorhinein ganz viele Tätigkeitsfelder der Eingliederungshilfe schon kennengelernt in der Praxis und habe das quasi jetzt immer noch beim Arbeiten im Kopf.
Wie seid ihr zum Studium Rehabilitationspädagogik gekommen?
Michélle Möhring:
Ja, wir starten mit unserem ersten Block, wo es so ein bisschen darum gehen soll, wie war denn euer Weg ins Studium, euer Weg in den Beruf? Teilweise habt ihr es gerade schon so ein bisschen angedeutet, aber Julia, ich starte mal mit dir nochmal ein bisschen konkreter, wie bist du eigentlich zur Rehapädagogik gekommen und hattest du damals eigentlich schon die Idee, in welche Richtung es später gehen könnte? Warst du da ganz offen? Erzähl mal.
Julia Wohlgefahrt:
Das ist eine spannende Frage. Also erstens, zu Rehapäd hat mich tatsächlich meine wahnsinnig schlechte Orientierung gebracht. Ich habe mich, wie gesagt, verlaufen. Ich habe damals das Hilfsmittellabor gesehen, was noch in der vierten Etage war und ich habe mich schockverliebt, weil das so Sachen waren zum Anfassen und Ausprobieren. Und ich fand das unglaublich spannend zu sehen, dass das, was mir in der Praxis gefehlt hat, mehr oder weniger in einem Raum zusammengesetzt war, zwischen Hilfsmitteln, assistiven Technologien und nicht elektronischen Hilfsmitteln. Aber dann auch so Fragestellungen, wo ich denke, das kann man machen, dafür kriegt man Geld. Das fand ich total spannend. Und im Vorhinein muss ich sagen, ich bin selber in der Kinder- und Jugendhilfe groß geworden und für mich war das gar nicht so vorgezeichnet, dass ich meinen Weg ins Studium finde. Das hat irgendwie in unserem, ich sage jetzt mal klassischen System oder in unserem Karriereweg, Arbeiter, Familie, Arbeiterkind gar nicht so stattgefunden. Ich habe eine Pflegeschwester gehabt im Autismus-Spektrum und wir sind quasi immer schon mit besonderen Rahmenbedingungen groß geworden. Und das, was ich jetzt als Heilerziehungspflegerin dann gelernt habe, das habe ich irgendwie als Kind schon ganz oft intuitiv gemacht. Also zu spiegeln, Unterstützte Kommunikation zu machen, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass es eben Vorhersehbarkeiten gibt oder auch Sicherheitsmomente. Und als ich dann meine Ausbildung gemacht habe, habe ich das schon ganz toll gefunden, eben durch meine eigene Erziehung oder mein eigenes Aufwachsen mit meiner Schwester schon viel mitgenommen zu haben. Und mein letztliches Arbeiten in den Arbeitsfeldern war eben so quasi ein bisschen so die Schlüsselfigur zu Kommunikationsbarrieren zu sein, zu überlegen, was kann man denn eigentlich machen, damit die Menschen eben sich verstanden fühlen, auch mitgenommen fühlen und dann auch zu gucken, wie kann man eigentlich so ein Setting oder so einen Lebensalltag auch gut gestalten, dass wir da einfach alle gut miteinander klarkommen. Und ich habe in meiner letzten Arbeitsstation habe ich eine Abteilung aufbauen dürfen mit einem Kollegen von mir für Menschen mit sogenanntem hohen Unterstützungsbedarf und komplexer Beeinträchtigung. Wir haben eine Kerzenabteilung gehabt und wir hatten das Credo, jeder ist gut, wie er ist und jeder darf das machen, was er kann und ja, was gerade so dran ist. Und mein Studium ist so ein bisschen aus einer Rebellion gestartet, weil meine damalige Abteilungsleiterin gesagt hat, also wenn du das machen willst, dann musst du studieren gehen. Und dann habe ich irgendwann gedacht, weißt du was und ich gehe studieren, genau. Und dann habe ich geguckt, was gibt es und so habe ich quasi den Weg gefunden und habe dann immer auch gedacht, Mensch, ich kann mich gut in andere Menschen reinversetzen. Ich kann gut mit Menschen mit sogenannter komplexer Beeinträchtigung und habe dann einfach geguckt, in welchen Berufszweigen kann man das dann tatsächlich gut verknüpfen. Und mir war es wichtig, meinen Ausbildungsberuf erst zu lernen und dann zu gucken, okay, was kann ich denn aufsatteln, was kann ich gut und wo möchte ich mich spezialisieren? Und das war dann letztendlich zum Glück auch die Rehabilitationspädagogik. Schweres Wort, ich sage es gerne nochmal, Rehabilitation, nein, nein, Rehapäd an der TU Dortmund, weil das hat mich tatsächlich dann am meisten überzeugt hier im Umfeld.
Michélle Möhring:
Ja, spannend, danke. Also so ein bisschen auch sehr persönlich motiviert, also aus dem Privaten heraus so ein gewisses Interesse immer schon gehabt. Cosima, wie war das bei dir vielleicht auch mit Blick darauf, dass du ja auch noch den Master gemacht hast? Also wie hat sich dein Weg so entwickelt?
Cosima Nellen:
Bei mir war es ein totales Zufallsprodukt, muss ich sagen. Ich wusste nach dem Abitur überhaupt nicht, wo ich beruflich hin möchte und hatte mich damals an, ich glaube, zwölf Unis mit vierzehn Studiengängen beworben und habe mich rein zufällig für Dortmund und Rehapädagogik entschieden. Und als der Bachelor zu Ende war, wusste ich immer noch nicht so genau, was mache ich denn jetzt eigentlich? Ich habe ganz viele neue Inhalte gelernt, ganz viele Tätigkeitsfelder und wusste nicht genau, wo ist denn da mein Platz, wo kann ich anfangen? Und dachte, ach komm, ich studiere jetzt gerade schon und mach mal einen Master, dann hast du ein bisschen mehr Zeit, um darüber nachzudenken, wo es dich beruflich hinbringen soll. Und dachte, ich könnte mir durch den Master ein bisschen mehr Zeit und Bedenkzeit und Reflexionszeit erkaufen und bin dadurch in den Master gekommen. Ich muss sagen, das war für mich die goldrichtige Entscheidung, weil ich während des Masters Einblicke hatte in das wissenschaftliche Arbeiten, was mir sehr gefallen hat und mir auch gut gelegen hat. Und dadurch habe ich meine Zukunft, meine Karriere, meinen Beruf gefunden.
Michélle Möhring:
Ja, total spannend. Man merkt schon, die Wege sind unterschiedlich und genau das macht ja das Feld dann auch letztendlich so spannend.
Was bedeutet Projektmanagement in eurem Arbeitsalltag?
Michélle Möhring:
Ja, jetzt würde ich gerne ein bisschen mit euch darüber sprechen. Was ist Projektmanagement eigentlich? Wenn man das hört, Projektmanagement, dann denken glaube ich viele erstmal an Organisationen, an Tabellen, vielleicht so auch an was Wirtschaftliches. Cosima, hol du uns doch mal in die Praxis. Was bedeutet Projektmanagement in deinem Arbeitsalltag ganz konkret?
Cosima Nellen:
Ja, ich denke auch Projektmanagement klingt erstmal langweilig. Man muss was managen und dann auch noch Projekte. Aber tatsächlich klingt es auf dem Papier schlimmer, als es ist. Beim Projektmanagement haben wir natürlich auch Aufgaben, die Richtung Wirtschaftlichkeit gehen, Abrechnungen und Leistungen abrechnen. Aber das gehört eigentlich gar nicht so richtig zu meinem Job, sondern ich bin ganz fest in der Praxis drin und schaue ganz genau aufs Projekt und überlege, was ist das Ziel des Projektes? Wie schaffen wir das Ziel? Mit wem und mit welcher Zielgruppe? Also es geht vor allen Dingen darum, zu Menschen hinzugehen, zu überlegen, wen brauchen wir für ein bestimmtes Projektziel und wie können wir das Ganze machen? Und meine Brille auf das ganze Thema ist klar geprägt durch das Studium. Nämlich, dass ich schaue, wie können wir es schaffen, dass möglichst viel Partizipationsanteil dabei ist und dass alle Personen auch sich so einbringen können, wie sie möchten. Und was fehlt vielleicht auch, damit sie sich mehr einbringen könnten? Und ganz konkret machen wir im Diakonischen Werk Projekte, um mehr Teilhabe zu ermöglichen, um Barrieren abzubauen. Und das können dann ganz unterschiedliche Projekte sein in ganz unterschiedlichen Themenfeldern mit ganz unterschiedlichen Personengruppen. Und genau das rauszufinden, also über wen spreche ich jetzt eigentlich gerade und mit wem möchte ich eigentlich gerade sprechen, das ist ein Teil des Projektmanagements.
Julia Wohlgefahrt:
Also man muss vielleicht auch nochmal ein bisschen auseinanderklamüsern, dass wenn man im Projektmanagement arbeitet oder Projektarbeit hat, dass wir meistens zeitlich definierte Zeiträume haben, wo wir uns mit einer Themenstellung beschäftigen. Oder auch, Cosima sagte eben gerade schon zur Finanzierbarkeit, also wer ist quasi auch unser Fördermittelgeber oder gibt es verschiedene? Also ich kann da jetzt nur für meine Projekte sprechen, also ich hab einmal ein Projekt, was ich leite von der Sozialstiftung NRW. Das sind natürlich nochmal andere Förderkriterien als zum Beispiel von der Aktion Mensch oder von anderen Fördermittelgebern. Das macht es aber auch einfach nur vielfältiger. Und das zeigt einfach tatsächlich nochmal die aktive Auseinandersetzung dann auch im Themenfeld, wie man dann auch mit den Zielgruppen oder auch mit den Bedarfen und Anfragen so arbeitet. Also nicht abschrecken lassen, wenn da irgendwelche großen Fördermittelgeber hinter den Projekten stecken, wenn man sie durchführt. Das heißt einfach nur, dass wir dann quasi anders arbeiten beziehungsweise uns ein bisschen kreativer aufstellen. Man hört immer so ein bisschen, die Aktion Mensch ist ein bisschen praxisnäher. Das würde ich jetzt gar nicht so genau unterstreichen, aber es heißt einfach nur, dass wir ein zeitlich datiertes Fenster haben, wo wir uns verschiedenen Themen widmen. Und Cosima sagte das eben schon, wir haben sowas wie Meilensteinplanung und wir haben sowas wie Zielgespräche und bis wann muss was erledigt sein. Und das klingt tatsächlich auf dem Papier dröger oder auch herausfordernder, als es dann tatsächlich in der Praxis ist, würde ich sagen, oder?
Cosima Nellen:
Genau, würde ich auch so sagen. Und ich weiß, dass viele Fachkräfte, mit denen man zusammenarbeitet, sich auch sehr darüber freuen, wenn man einen Plan im Hintergrund hat und weiß, wann was passieren soll und in welcher Form. Und ich würde das auf jeden Fall auch nochmal unterstützen, was Julia gerade gesagt hat. Auf dem Papier sieht ein Antrag manchmal ein bisschen anders aus und die Aufgabe im Projektmanagement ist, den Antrag mit Leben zu füllen. Also zu schauen, wie schaffe ich das denn, was ich geschrieben habe oder was jemand anderes vielleicht auch für mich geschrieben hat, in meinem Themenfeld umzusetzen und wie kann ich meine eigenen Bewertungskriterien und meine eigenen Wünsche dann auch einbauen. Und das sind Wünsche in Bezug auf die Zielgruppe, die dann mit der Zielgruppe abgestimmt werden können oder direkt von der Zielgruppe kommen. Und das bedeutet, dass man ganz viel Kreativität auch braucht, um das Projektmanagement tatsächlich in die Praxis umzusetzen und tatsächlich auch Projekte so zu gestalten, dass sie gut ankommen bei der Zielgruppe und auch dem ganzen Netzwerk, was dahinter steht.
Michélle Möhring:
Und jetzt nimm uns mal mit kurz, Cosima. Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus, wenn du morgens ins Büro kommst oder arbeitest du von Zuhause? Gibt es eigentlich so einen typischen Tag?
Cosima Nellen:
Die kurze Antwort ist, nein, es gibt keinen typischen Tag, weil ich in unterschiedlichen Projekten unterwegs bin und den Luxus habe, sowohl von Zuhause arbeiten zu können, als auch vom Büro aus oder auch von den Standorten, wo wir sonst noch unterwegs sind. Also je nach Projekt kann ich an unterschiedlichen Orten sein und ich habe das Glück, dass ich meine Termine frei gestalten kann. Ich könnte sie morgens um 8 haben oder um 12 oder auch um 17 Uhr. Da kann ich alles so machen, wie ich es gerne hätte und natürlich auch, wie es für das Gegenüber gut passt. Das heißt, es gibt gar nicht einen klaren Stundenplan, den ich jede Woche habe, sondern es ist eher inhaltlich geleitet, dass ich schaue, was steht in welchem Projekt an? Was muss bis wann geschafft werden? Für welche Aufgaben brauche ich vielleicht wie viel Feedback? Und entscheide dann, welche Aufgaben prioritär zu bearbeiten sind und gestalte dann meinen Tag oder auch meine Woche so, dass alle Arbeiten erledigt werden, nichts bei mir hängen bleibt und dass die anderen auch gut vorankommen in ihren eigenen Arbeitsfeldern.
Michélle Möhring:
Ja, danke. Also ich finde, man hört da schon, es geht gar nicht nur um Organisation, sondern ganz viel um Zusammenarbeit mit Menschen, mit den verschiedensten Zielgruppen und darum, Ideen zu entwickeln und Dinge auch wirklich umzusetzen.
Cosima Nellen:
Ja, auf jeden Fall. Das ist sehr viel Koordinierungsaufwand auch. Also wenn ich zum Beispiel Projekte mit Kindern und Jugendlichen habe, ist klar, dass sie morgens beispielsweise in der Schule sind und eher im Nachmittagsbereich Zeit haben. Wenn ich Projekte habe mit Menschen, die Beschäftigte sind in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die haben eher vormittags im Kontext ihrer Werkstattarbeit Zeit und nachher sind sie in ihrer Freizeit und dann eher im Wohnkontext auffindbar. Also man muss da tatsächlich auch genau schauen, wen finde ich wo, wer ist wie antreffbar und welche Ressourcen sind da. Also es ist eher Netzwerkarbeit, kommunikative Arbeit, Koordinierungsarbeit.
Michélle Möhring:
Siehst du das auch so, Julia?
Julia Wohlgefahrt:
Ja, es kommt darauf an, mit welchen Themenstellen man sich wie auseinandersetzt. Also Cosima hat gerade schon gesagt, dass die Zeiten sehr flexibel zu setzen sind. Bei uns ist das tatsächlich so, dass wir je nachdem, mit welcher Fragestellung wir uns gerade beschäftigen, auch ganz genau gucken müssen. Also Cosima hat jetzt gerade den Praxistransfer zu der Zielgruppe oder zu dem Klientel schon mal angedeutet. Bei uns ist das gerade so, wenn wir zum Beispiel Technologien testen. Das mache ich viel erstmal bei uns im Projektteam, aber da sind auch so verschiedene Gremienarbeiten, die man auch berücksichtigen muss in der Koordinierung oder auch im Testen. Und da muss man tatsächlich auch so Zeit- und Feedbackschleifen mit berücksichtigen. Also da auch zu schauen, wie sieht mein Tag aus, wenn ich kein Feedback bekommen habe, wie eine Technologie funktioniert. Oder wenn ich eine Technologie mit der Zielperson zusammen ausprobiere, muss ich berücksichtigen, dass sie vielleicht geringe Aufmerksamkeitsspannen hat. Wann sind die? Oder auch Pflegesettings zu berücksichtigen oder auch Tagesabläufe oder auch Stimmungsbefindungen. Und das heißt also, ich muss mich dann größtmöglich flexibel auch einstellen und muss auch tatsächlich schauen, dass ich entweder sehr viel Zeit habe oder auch wenn die Person oder mein Setting um mich herum nicht so viel Zeit hat, dass ich tatsächlich die Frage nach der nächsten Frage, ein bisschen wie beim Schachspielen, auch schon mit berücksichtigt habe, damit ich tatsächlich sehr passgenau und zielspezifisch dann auch meine Fragen auch geklärt bekomme, ohne dass dann mein Gegenüber das Gefühl hat, ah, da kommt schon wieder eine Frage von diesem Projekt. (lacht) Das ist tatsächlich ein bisschen tagesformabhängig dann auch tatsächlich, wie die Tage so einzeln aussehen.
Cosima Nellen:
Ja. Und es ist, glaube ich, auch ganz klar, dass in der Praxis es nie so ist, wie es eigentlich geplant war, weil dann ein Raum belegt ist, weil eine Person vielleicht gerade einen schlechten Tag hatte oder eine Person gerade ein anderes Thema hatte, was gerade brennt und das im Kopf die ganze Zeit drinsteckt und gar nicht die Möglichkeit da ist, mit der Person vielleicht über das Projektthema zu sprechen. Also Projektmanagement bedeutet auch immer, spontan zu sein, kreativ zu sein und zu schauen, was ist die Situation gerade und wie bekomme ich trotzdem das erreicht, was ich gerade machen möchte. Weil ich zum Beispiel Feedbackschleifen habe und nach der einen Feedbackschleife die nächste Feedbackschleife kommt, die aber auf die erste Feedbackschleife aufbaut.
Michélle Möhring:
Also ganz normaler Wahnsinn sozusagen. (lacht)
An welchen Projekten arbeitet ihr gerade und was war eure größte Herausforderung im Projektmanagement?
Michélle Möhring:
Okay, also so richtig typische Tage scheint es nicht zu geben, nehme ich mal mit. Wir möchten nochmal so ein bisschen konkreter werden. Damit man es sich noch ein bisschen besser vorstellen kann, gehen wir mal in konkrete Beispiele. Julia, an welchen Projekten arbeitest du gerade oder hast du zuletzt gearbeitet und was war da das Ziel?
Julia Wohlgefahrt:
Das ist eine interessante Frage. Wenn ich morgens ins Büro komme, dann weiß ich nicht immer genau, an welchen Projekten habe ich dann an dem Tag gearbeitet. Aktuell sind es vier Projekte, die ich begleite und drei davon, die ich leite. Ich nehme mal ein Projekt raus, weil das so schön ist zum Mitnehmen. Also ich habe damals Medienanbahnungsangebote für Menschen mit komplexer Beeinträchtigung gemacht, also geschaut, inwieweit können die denn zum Beispiel schon mit einem Tablet umgehen? Was machen sie so im Internet? Und wir haben herausgefunden, da sind bei ganz vielen noch ganz viele Barrieren. Die wissen nicht genau, wie das funktioniert. Und aus diesen Beobachtungen habe ich einen Projektantrag geschrieben. Der ist auch von der Aktion Mensch bewilligt worden. Das heißt, Aktion Mensch hat uns einen gewissen Betrag zur Verfügung gestellt, damit wir eben an diesem Thema arbeiten können. Und das Projekt, was ich jetzt gerade meine, das heißt enna. Das ist ein Medienanbahnungsprojekt für Menschen mit komplexer Beeinträchtigung, wie sie mit einzelnen kodierten Karten, das kennt ihr vielleicht vom eigenen Bezahlen an der Kasse. Da legt man ja seine Bankkarte dann auf so ein Bezahl-Kodiersystem, butsch und dann ist das Geld weg. Solche Karten kann man auch kodieren mit einfachen Befehlen, so was wie Mama anrufen oder Bilder angucken oder Video abspielen. Und ich habe mir einen Personenkreis ausgesucht für das Projekt, die eben bisher noch nicht so von der digitalen Teilhabe profitiert haben. Und wir sind jetzt an Standorten unterwegs und probieren einfach aus, schaffen die Menschen das, ihre Karten gemäß ihren Bedarfen und Wünschen auf dieses Gerät zu legen und tatsächlich Selbstwirksamkeit zu erfahren. Und das bedeutet in meinem Projekt gerade, dass ich viele Vorarbeiten leisten muss, damit diese Gerätschaften tatsächlich auch funktionieren und dass sie konfiguriert sind, dass sie im Internet verbunden sind. Und Spoiler, das ist noch leider keine Selbstverständlichkeit, dass überall das Internet so da ist, dass es gut funktioniert. Das heißt aber auch, ich muss das An- und Nahfeld und Umfeld der Person auch mitnehmen, damit die genau wissen, was passiert. Das heißt also, ich schaue gerade, brauche ich eigentlich sowas wie Berechtigungskonzepte? Also wer darf eigentlich auf so eine App zugreifen, wenn ich was benutze? Oder wer soll eigentlich angerufen werden? Möchte Mama das denn auch um 23 Uhr? (lacht) Oder welches Video soll denn eigentlich auf so eine Karte kodiert werden? Weil wenn ihr euch mal überlegt, wenn ich zum Beispiel so die App YouTube benutze, mal sind die Bilder total klar, dass man weiß, okay, wenn ich da ein rotes Auto sehe, dann kommt da ein ganz toller Sound. Beim nächsten Mal des Öffnens dieser App hat man aber nicht mehr dieses rote Auto, sondern vielleicht einen gelben Bagger. Und das kann manche Person total auf die Palme bringen, wenn man da eben nicht die gleichen Informationen abrufen kann. Und das heißt also, dass wir gerade auf der Suche sind nach wirklich spannenden Themen, die man dann eben auf diese Karten kodieren kann. Und das ist so ein Projekt, was ich gerade begleite. Und es ist total spannend, weil wir da mit einer Zielpersonengröße aussprechen, die noch total unterrepräsentiert ist, also die noch nicht so viele Möglichkeiten hat, in Projekten tatsächlich auch digitale Teilhabe umzusetzen und zu partizipieren. Und wo es auch bedeutet, wenn die Lautsprache selber nicht so vorhanden ist, eben tatsächlich auch das Umfeld sehr zu sensibilisieren. Und das heißt also, ich bin so Mittlerin zwischen den Projektanforderungen, dann aber auch Fürsprecherin für diesen Personenkreis und Koordination für die Einrichtung selber, um auch zu gucken, was braucht es eigentlich für Gelingensbedingungen, damit dieses Ding auch wirklich eingesetzt wird im Alltag. Wir wissen alle, so eine Technik funktioniert nur, wenn sie an ist und wenn sie tatsächlich auch mit Technikakzeptanz gut umgesetzt und implementiert ist und damit alle auch Bescheid wissen, was da so passiert und funktioniert. Und allein jetzt schon beim Sprechen merke ich, oh, das ist ganz schön umfassend. Das soll nicht abschrecken, weil das macht auch wirklich viel Spaß zu überlegen, Mensch, was brauchen die denn und was gibt es noch nicht in dem Teil? Und bei anderen Projekten reiße ich ganz kurz an, weil es total die anderen Extreme umreißt. Da geht es bei mir gerade darum, dass ich so ein bisschen auch so in Markt- und Trendforschung gehe. Also was sind gerade so Themen, die die Menschen, die Mitarbeitenden in der Eingliederungshilfe so umtreiben und was kann tatsächlich auch Technologien mitbringen oder auch fürsprechen, damit die Personen auch mehr Lebensqualität und Teilhabe erleben? Und im Moment bin ich gerade in so einem zum Beispiel Tracking- und Ortungsbubble unterwegs. Das heißt, ich versuche gerade herauszufinden, welche Technologien am geeignetsten sind, um zum Beispiel Menschen mit Hinlauftendenzen auch digital zu begleiten. Und das sind Themen, die wir tatsächlich auch sehr, sehr sensibel auch mit rechtlichen Betreuungen und auch mit den Gerichten auch zusammenarbeiten müssen, weil wir die Technologie nicht einfach so ansetzen können, um zu sagen, ja, wir wissen zu jeder Zeit genau, wann sich wo wer aufhält. Das heißt also, mein Arbeitsalltag ist sehr, sehr breit und sehr facettenreich und je nachdem, in welchen Teilprojekten ich dann für den Tag arbeite, kann das mal sehr papierlastig sein, weil ich Anträge schreiben muss oder auch Berechtigungskonzepte schreibe. Es kann aber auch wirklich sehr, sehr praxisnah sein, wenn ich mit den Personen selber, die mit dem Projekt dann eben partizipativ oder auch als Co-Autoren irgendwo unterwegs sind, mit Peergroupen oder Peergroups heißt es ja, dann ist dieses Wording, zu schauen, okay, was ist jetzt gerade dran? Das heißt also, für, mit und gemeinsam mit den Menschen zu arbeiten.
Michélle Möhring:
Cosima, von dir ein konkretes Beispiel, vielleicht auch nochmal mit Informationen dazu, wie groß ist eigentlich dann so ein Projektteam?
Cosima Nellen:
Ich stelle gerne unser Coping-Projekt vor. Da geht es darum, dass wir Menschen, die selber eine psychische Erkrankung haben oder eine Suchterkrankung zu Beratenden ausbilden möchten. Also die Personen haben schon selber sehr viel Beratungserfahrungen als Ratsuchende und sollen jetzt so qualifiziert werden, so empowert werden, so befähigt werden, dass sie selber auch Beratungstätigkeiten aufnehmen können. Und in dem ganz konkreten Projekt bin ich eine Projektleitung. Ohne meine Begleitung, die Kollegin Michaela Hoffmeister, wäre ich aber absolut aufgeschmissen. Sie selber ist im ambulant betreuten Wohnen tätig und ist Beraterin. Sie fährt raus zu Personen, die unterschiedlichste Problemfelder haben und berät sie auf ihrem Weg hin zu ihrem Ziel, was auch immer das Ziel ist. Zum Beispiel häufiger Bahn zu fahren oder ihre Schulden zu bezahlen oder wieder Kontakt zu Kindern zu haben. Also meine Kollegin ist sehr fachlich unterwegs und kennt alles drum und dran, was es für eine beratende Tätigkeit braucht. Sie selber hat aber gar nicht viel Erfahrung bisher im Rahmen von Projektmanagement. Und da komme ich ins Spiel, weil ich das Projekt auf Meta-Ebene begleite. Ich schaue also, was müssen wir erreichen. Das Projekt ist von der Aktion Mensch gefördert und ich schaue, was möchte die Aktion Mensch haben? Was ist einer Aktion Mensch wichtig? Und wie schaffen wir das, in der Praxis umzusetzen? Und ganz konkret organisiere ich Workshops mit den Teilnehmenden, die Peerberater bzw. Beraterinnen werden möchten und überlege gemeinsam mit der Frau Hoffmeister, was fehlt denen an Wissensgrundlagen? Was müssen wir thematisieren? Was muss geübt werden? Das sind aktuell sehr kommunikationsbezogene Prozesse, indem wir beispielsweise Leitfäden erarbeiten. Was muss in einer Beratung kommuniziert werden? Wie kommuniziere ich das? Und was sind zum Beispiel auch No-Gos in einer Beratung? Und da kommen ganz viele individuelle Erfahrungen der Teilnehmenden, die total spannend sind und von denen ich auch überhaupt keine Ahnung hätte. Wir haben zum Beispiel eine Person, die hat eine schizoaffektive Störung und sie erzählt dann aus ihrer Perspektive, was bedeutet das konkret? Also was für Symptome habe ich? Wie kommen die vielleicht auch zu Tage? Und für uns als Projektteam ist es total hilfreich zu wissen, wie kann ich mit so einer Person denn sprechen? Spreche ich ihre Störung an oder lasse ich das unter den Teppich kehren? Was ist wichtig für die Person? Was ist vielleicht auch weniger wichtig? Und das macht es gerade im Coping-Projekt auch spannend, weil wir ganz unterschiedliche Personen haben mit ganz unterschiedlichen psychischen Erkrankungen und auch unterschiedlichen Erfahrungen, was Suchterkrankungen angeht. Und wir versuchen diese Personen so fit zu machen für die Berufspraxis, dass sie am Ende tatsächlich ihren Job auch aufnehmen können.
Michélle Möhring:
Also super unterschiedliche Projekte, total vielfältig. Ganz kurz noch ein ganz kurzes Statement von euch beiden. Was war denn mal so oder was ist die größte Herausforderung, die euch bislang begegnet ist, so zum Thema Projektmanagement? Also was war was, wo ihr sagt, boah, das hat mich echt vor eine Herausforderung gestellt?
Cosima Nellen:
Ich glaube, die meisten Nerven kostet es, wenn das Projekt nicht losgehen kann, weil etwas auf formaler Ebene fehlt. Also egal, ob es dann Verträge sind oder ein Ethikantrag oder weil noch nicht ganz klar ist, an welcher Stelle genau ein Projekt loslegen soll. Das ist, finde ich, immer schwierig, weil man, also ich bin eine Person, ich möchte sofort loslegen und die Zielgruppe kennenlernen und die Mitarbeitenden kennenlernen und wenn es dann aber heißt, Halt Stopp, wir können noch nicht. Das finde ich sehr nervenaufreibend, weil man das Gefühl hat, man verliert ganz viel Zeit, aber möchte sofort loslegen. Das finde ich sehr herausfordernd.
Michélle Möhring:
Julia, deine größte Herausforderung?
Julia Wohlgefahrt:
Die größten Herausforderungen sind tatsächlich manchmal die Person selber. Also ich sage das deswegen auch, weil Projekte sind zeitlich datiert. Wenn man zum Beispiel häufig abwesend ist, häufig das Projekt vielleicht auch nicht an erster Stelle sieht, sondern dieses, oh ja, mache ich nächste Woche, weil wir manchmal so Zeitpläne haben, die dann tatsächlich auch total verrutschen, wenn was nicht bis dahin funktioniert hat. Und die Herausforderung ist tatsächlich dann auch, und das klingt total gemein, aber wenn ich krank bin, bin ich krank und bleibe zuhause, weil es bringt niemanden auch im Projektmanagement, wenn man sich zur Arbeit schleppt und sagt, okay, dann mache ich halt halbgare Sachen. Das ist tatsächlich eine Herausforderung, die habe ich in einem Projekt ganz hart zu spüren bekommen, weil es dann tatsächlich immer so war, ist die Person jetzt gerade da? Ist die Person heute nicht da? Kann ich weiterarbeiten an meinen Meilensteinen? Und tatsächlich dann auch zu überlegen, bin ich denn auch so aufmerksam oder auch so in dem Thema drin, dass ich da wirklich Lust drauf habe, mich gerade auseinanderzusetzen? Und mit jemandem zu sprechen, der die Herausforderung eben nicht so sieht, sondern versucht so irgendwie mitgezogen zu werden, das ist tatsächlich schwierig. Und da versuche ich tatsächlich auch immer ein bisschen zu Mutausbrüchen zu appellieren, also wenn man merkt, das Projekt oder das Projektmanagement, das liegt mir gar nicht, da tatsächlich auch ein gutes Gespräch zu suchen und dann auch zu sagen, okay, vielleicht ist eine andere Tätigkeit auch was Gutes für mich. Das ist tatsächlich sehr herausfordernd, dann auch in der Position der Leitung auch zu sagen, Mensch, vielleicht bewirbst du dich nicht auf das nächste Projekt.
Cosima Nellen:
Genau, zum Thema Herausforderungen und zum Thema Mut würde ich gerne auch ganz kurz ergänzen. Manchmal ist eine Herausforderung, dass keine Entscheidungen getroffen werden wollen aus Unsicherheit, aus Gründen, dass vielleicht doch nochmal was Besseres geht und das kann in der Praxis tatsächlich ein Projekt auch sprengen. Also da ist es auch egal, ob die Entscheidungshemmnis vom Gegenüber kommt oder von einem selber, das blockiert total alle Wege. Das blockiert Kreativität und ein Vorankommen und das kann wirklich sehr, sehr schwierig werden. Ich bin froh, dass ich da bisher eher auf der anderen Seite Erfahrung habe und kann daher den Tipp nur weitergeben, Mut zu haben, es zu versuchen, Wege zu finden. Und man hat ja die Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, um vielleicht verschiedene Varianten auszuprobieren. Aber wichtig ist, sich auch festzulegen auf Dinge und nicht alles wieder nach ein paar Wochen und Monaten über den Haufen zu werfen, von vorne anzufangen. Das killt, glaube ich, jedes Projekt.
Michélle Möhring:
Können wir ja gleich vielleicht auch nochmal drauf eingehen, wenn wir über Kompetenzen sprechen.
Welche Inhalte aus dem Studium helfen euch in eurem Job und welche Rolle spielen die Forschungsmethoden in der Praxis?
Michélle Möhring:
Ja, wir haben jetzt viel über Projekte, Projektmanagement im Allgemeinen gesprochen und jetzt sind unsere Zielgruppe dieses Podcasts hier, ja, Studierende, Studieninteressierte, auf jeden Fall Personen, die irgendwie im Bereich Rehapädagogik unterwegs sind. Und wenn ihr nochmal einen Blick zurückwerft ins Studium, Cosima, vielleicht magst du starten, welche Inhalte oder Erfahrungen aus dem Studium helfen dir heute wirklich in deinem Job oder in der Praxis?
Cosima Nellen:
Ich glaube, das sind bei mir unterschiedliche Dinge. Ich habe durch das Studium vor allen Dingen mehr über mein Menschenbild gelernt und auch über das Thema Haltung gegenüber unterschiedlichen Personengruppen und auch sich selber zu reflektieren, wie gehe ich denn jetzt eigentlich gerade mit meinem Gegenüber um, mache ich Unterschiede, je nachdem, wer mein Gegenüber ist und ist es auch das, was ich selber so möchte und repräsentieren möchte. Ich glaube, es passiert ganz schnell, dass man hierarchisch denkt, schwieriges Wort für Leute aus dem Niederrhein, dass man hierarchisch denkt und dann zum Beispiel mit Vorgesetzten anders spricht als mit KollegInnen oder mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Ich glaube, dass viele Personen da schnell in eine kleine Falle tappen, aber das für sich selber auf dem Schirm zu haben und zu reflektieren, mache ich das? Habe ich andere Ansprüche? Stelle ich eher geschlossene Fragen, obwohl eine offene Frage genauso sinnvoll gewesen wäre? Das habe ich durchs Studium gelernt und gerade durch das Projektstudium und auch die Projekte im Master habe ich nochmal gelernt, dass es reicht, dass nicht alles perfekt sein muss. Ich muss nicht die perfekte Arbeit schreiben, ich muss nicht das perfekte Projekt haben, sondern es reicht, dass ich das Projekt abschließe, dass ich das Studium abschließe, dass ich eine Hausarbeit abschließe. Wichtig ist voranzukommen und sich nicht von Dingen abhalten zu lassen, die vielleicht als Barriere auftreten, egal ob es unterschiedliche Verantwortlichkeiten sind oder ein Thema, was dann doch irgendwie komplizierter war. Aber ich glaube, den Mut, es durchzuziehen und zu machen, erstmal einfach nur zu machen, das hat mir das Studium gezeigt. Also sich selber da auch nochmal Mut zuzusprechen, zu sagen, mach es jetzt erstmal, du reflektierst dich ja sowieso nebenher und das wird schon reichen. Das fand ich auch nochmal eine ganz spannende Sache, die ich im Studium gelernt habe und insgesamt das Thema, dass ich für mich selber herausgefunden habe, dass ich mich in alle Themenfelder einarbeiten kann. Also diese Wissenskomponente, die ist gar nicht so das Ausschlaggebende im Studium oder nachher im Beruf, sondern eher eine Kompetenz, sich mit Dingen beschäftigen zu wollen, sich einarbeiten zu wollen, Neugier zu behalten, den Blick offen zu halten. Das sind alles Aspekte, die ich durchs Studium gelernt habe und für die bin ich auch sehr dankbar, weil ich glaube, ansonsten hätte ich ganz viel in der Praxis nebenher lernen müssen. Und so hatte ich den geschützten Raum des Studiums, um sich da einfach zeitlich die Möglichkeit zu geben, sich damit auseinanderzusetzen. Egal, ob es jetzt die Haltung ist oder eben das Thema, wie mache ich denn ein Projekt, auch wenn es nicht perfekt ist, aber trotzdem zufriedenstellend für alle, die auch die Ziele erreichen können. Und ja, wie schaffe ich es denn auch, mir das Wissen anzueignen, was vielleicht auch noch wichtig ist.
Michélle Möhring:
Julia, wie siehst du das? Was bleibt dir noch in Erinnerung aus dem Studium?
Julia Wohlgefahrt:
Ich schaue da ein bisschen anders drauf. Es ist vor allen Dingen, weil ich aus der Praxis komme und als Heilerziehungspflegerin, als Fertige, mit langjähriger Berufserfahrung hier eingestiegen bin. Und ich zum gewissen Grad auch schon Praxisanleiterin eben für weitere Auszubildende war und auch eben in verschiedenen Settings einfach gearbeitet habe. Und für mich war das dann tatsächlich so, dass ich mich mit meinem Blick der Heilerziehungspflege in der Eingliederungshilfe ja auch nochmal ein Stück weit professionalisieren wollte. Also ich wusste schon zum gewissen Grad, was ich kann oder was ich mag oder was ich auch gerade nicht mag. Und deswegen ist mir das in diesen Bausteinen auch während des Grundstudiums auch leicht gefallen, zu sagen, was möchte ich denn jetzt gerade machen oder was möchte ich eben nicht machen. Und für mich war wirklich prägend das Hilfsmittelpraktikum als solches, weil das sind Hilfsmittel und auch Technologien gewesen, die ich so in meiner Gänze des Arbeitsfeldes so noch nicht an einem Platz gesehen habe. Und dieses fehlerfreundliche Ausprobieren, also in dem Hilfsmittellabor zu sein, einfach sich in die Rollstühle zu setzen und sich fortzubewegen, aber dann auch mal die Augensteuerung auszuprobieren oder verschiedene Reflexionsfragen zu absolvieren und dann zu überlegen, warum gab es das in meinem Arbeitsfeld genau gar nicht? Oder warum wurde das nicht eingesetzt? Oder wie wird das eingesetzt und was brauche ich dafür? Und für mich ist tatsächlich auch immer ganz wichtig zu sagen, ich bin keine Informatikerin, das werde ich auch nicht. Also ich habe mich dem Bereich der Rehabilitationstechnologie dann im weitesten Sinne auch mit der digitalen Inklusion verschrieben. Aber für mich ist der Ansatz tatsächlich auch dann im Studium gewesen, wie kann ich das eigentlich, was ich jetzt lerne, wieder in die Praxis zurücktransferieren? Und immer diesen Blick auch nochmal über die Schulter nach hinten, um zu überlegen, was hat mir denn damals gefehlt und kriege ich das hier im Studium auch irgendwie nochmal beigebracht? Oder wo sind meine Lerninseln? Und ich muss sagen, die habe ich mir gesucht. Ich habe mehr Seminare besucht, als ich musste, aber einfach nur, weil ich da richtig Bock drauf hatte, weil es hier so eine Vielfalt an Angeboten gab. Und was mir auch richtig geholfen hat im Nachhinein, ist tatsächlich auch die Vorlesung von Professor Dr. Hastall, Beratung und Kommunikation. Heißt es heute noch so?
Michélle Möhring:
Kommunikation, also andersrum, aber.
Julia Wohlgefahrt:
Und aus heutiger Sicht, falls es hier noch Lesende gibt, es gibt das Buch mittlerweile Shitmoves, das ich total gerne gelesen habe, was auch nochmal aus meiner Projektbubble nochmal so gezeigt hat, okay, wie wichtig ist eigentlich Rhetorik und einfach das Verständnis des Gegenübers auch nochmal aufzunehmen und tatsächlich auch Kommunikationsstärke zu lernen und auch zu überlegen, was braucht mein Gegenüber, damit es sich gehört und angenommen fühlt. Weil man eben mit ganz vielen verschiedenen AdressatInnen eben auch nochmal sprechen muss und dann eben auch gucken muss, wie sind die Wissensbausteine. Und für das eigene Lernen fand ich tatsächlich, und ich hoffe, dass ich da jetzt nicht den Hass auf mich ziehe, wenn man vor Gruppen gesprochen hat, vor Menschen, die man vielleicht gar nicht so genau kennt, wenn die Gruppen größer waren und wenn man ein bisschen unsicher war, jetzt irgendwelche Inhalte zu präsentieren oder auch nochmal zu begleiten. Weil es wird einem nicht abgenommen in der Projektarbeit heutzutage, dass man mal Sachen vorstellen muss, dass man so ein bisschen wie bei der Höhle der Löwen so einen Elevator-Pitch machen muss. Also in knappen Worten zu skizzieren, warum mache ich das jetzt gerade, wohin will ich? Und eben auch mit kurzen, knappen Wortfragmenten manchmal zu sagen, das ist heute das Ziel dieser Sitzung. Und da wäre mein Appell auch an die, die vielleicht jetzt gerade zuhören, das einfach zu üben, weil das sind Sachen, die nimmt man immer wieder auch nochmal mit, dass es Leute gibt, die sich total gehemmt fühlen, vor Gruppen zu sprechen oder auch eben nochmal deutlich auszusprechen. Und das sind tatsächlich Skills, die man lernen kann und auch gerade im Projektmanagement, ich will nicht sagen können sollte, aber zumindest sich damit auseinanderzusetzen, dass man im gewissen Grad auch repräsentiert oder auch immer nochmal für das Projekt ja verschiedene Akteure zusammenbringen muss, um da eben die verschiedenen Ziele auch gemeinsam zu besprechen. Und je weniger Schweißflecken das erzeugt, der Gedanke ans freie Sprechen, desto besser kann man sich da glaube ich auch nochmal drauf vorbereiten. Also das heißt im Nachgang, so mit Rückschau auf mein Studium, habe ich schon eine ganze ganze Menge mitgenommen und ich kann das gar nicht an einzelnen festen Beispielen festmachen. Ich kann nur sagen, gerade heute mit der Aufnahme des Podcasts habe ich nochmal gedacht, Mensch, ich bin ganz schön gerne studieren gewesen. (lacht)
Michélle Möhring:
(lacht) Ja, das motiviert hoffentlich. Eine kurze Rückfrage an euch beide, weil es ja auch immer wieder so ein Problem ist, dass man sich denkt, ich bin jetzt hier in einem pädagogischen Studiengang Rehapädagogik. Was soll ich mit Wissenschaft? Was soll ich mit wissenschaftlichem Arbeiten? Warum habe ich hier qualitative und quantitative Forschungsmethoden, wenn ich doch pädagogisch mit Menschen arbeite? Ganz kurz vielleicht ein Statement von euch dazu. Wie seht ihr das?
Cosima Nellen:
Ich brauche allein dieses wissenschaftliche Denken für Projektanträge, weil da eine gewisse Forschungslogik hinter sein muss. Ich muss in der Lage sein, bestimmte Studien vielleicht auch einzubringen und Wissen plastisch darzustellen. Und da hilft es mir, wenn ich auch mich in andere Publikationen einlese und versuche, das Wissen in meinen Forschungsantrag einzubringen. Und vor allen Dingen hilft es mir auch, um bestimmte Tatsachen zu reflektieren. Also warum sind die denn eigentlich so? Und wer sagt das? Und allein dieses kritische Denken lernt man vor allen Dingen, finde ich zumindest, über die qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden. Also Dinge zu hinterfragen. Und wie komme ich denn zu Ergebnissen? Und wie haben sich diese Ergebnisse überhaupt ergeben? Wer hat da welche Befragungsform beispielsweise gewählt? Und was wurde beispielsweise nicht berücksichtigt? Und dadurch gestaltet sich ja auch Realität und auch Arbeitsrealität. Und das hilft mir im Alltag enorm, um auch andere Personen zu verstehen. Wie kommen die denn jetzt gerade zu ihrer Entscheidung? Oder aus welcher Motivation heraus argumentieren sie gerade so? Und da sehe ich sehr starke Bezüge zu den Forschungsmethoden.
Julia Wohlgefahrt:
Wow. (lacht) Das kann ich nicht bestätigen. Ich habe mich tatsächlich gequält. Ich bin ehrlich. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ist das so ein fester Bestandteil, gerade die quantitativen Methoden? Weil ich tatsächlich eine sehr, sehr schlechte Absolventin des Mathematikfachs im Abitur gewesen bin. Ich verstehe das als notwendiges Übel, weil Studieren und Forschung tatsächlich zusammenhängt. Und dass man auch die Relation von Zahlen beziehungsweise auch nochmal diesen verschiedenen Anwendungsgruppen auch nochmal reflektieren beziehungsweise hinterfragen muss. Und auch überlegen muss, okay, was bringt das, diese Menschen zu beforschen und an welchen Zahlen oder an welchen Statements kann man sowas festmachen? Aber ich kann für mich sprechen. Für mich war das einfach ein ganz, ganz großer Bauschmerzfaktor. Und es ist tatsächlich auch ausschlaggebend, warum ich hier an der TU Dortmund keinen Master studiert habe, weil diese wissenschaftliche Ausrichtung nicht meinem praktischen Herzen tatsächlich in so einem Feld auch nochmal, ich sag mal, das weite Tor geöffnet hat, um zu sagen, ja, das nehme ich nochmal in Kauf. Ich bin da aber auch tatsächlich, glaube ich, sehr geprägt gewesen, weil meine mathematische Grundlaufbahn einfach desaströs war. (lacht) Und im Studium wird einem tatsächlich schon was abverlangt. Aber ich möchte auch hier auch schon mal einen Rettungsanker werfen. Also man hat hier viel Unterstützung in Seminaren auch bekommen und auch in Lerngruppen. Aber aus heutiger Sicht, wenn ich jetzt in meinen Projekten sitze, dann bin ich meistens die Praktikerin und unsere Praxis- oder Forschungspartner, die nehmen dann die Parts, die ich hätte früher im Studium selbst erledigen, errechnen oder auch interviewen müssen. Das heißt also, ich kriege das heute in Relation als Teilprojektleitung auch hin. Aber es ist tatsächlich für so Studienlagen, Hinterfragen, es war für mich tatsächlich immer eher schwierig. Aber das ist, ich bin tatsächlich eine sehr große Praktikerin.
Michélle Möhring:
Aber unabhängig davon, glaube ich, ist das jetzt gerade super, super spannend für diejenigen, die noch studieren oder überlegen, das Studium zu beginnen. Also deswegen schon mal danke für die Einblicke an dieser Stelle.
Cosima Nellen:
Ich hätte auch noch eine Ergänzung und zwar ist gerade das Thema Forschungsmethoden für meinen Alltag in der Projektgestaltung und auch im Projektmanagement wichtig, weil wir häufiger in beispielsweise in Workshop-Formaten partizipative Methoden haben. Und da hilft es zu wissen, welche Methoden gibt es überhaupt, egal ob quantitativ oder qualitativ und wie kann ich es schaffen, dass ich die Methode so anpasse, dass sie für die Zielgruppe gut machbar ist, umsetzbar ist. Und vor allen Dingen auch, welche Möglichkeiten hat die Zielgruppe selber an der Ausgestaltung teilzuhaben oder auch besser einbezogen zu werden. Und allein deshalb hilft es schon, die Bandbreite zu kennen, auch einige Methoden vielleicht ein bisschen besser zu kennen, um dann das Handwerkszeug zu haben, um es noch besser zu machen in der Praxis und nochmal ein bisschen angepasster für die eigene Projektsituation.
Julia Wohlgefahrt:
Aber da möchte ich tatsächlich sagen, also ich finde das total toll, dass man das bei dir hört, dass dein Herz für die Wissenschaft schlägt. Aus meinem Credo würde ich sagen, wenn man weiß, wo man nachfragen kann, das hilft auch schon sehr, sehr weiter. Also auch da nochmal die Last abzunehmen, dass man alles können und wissen muss, sondern vielmehr die Kompetenz für sich so auch einzugestehen, oh ich bin mir gar nicht so sicher, aber ich weiß, wo ich nachfragen kann. Und ich weiß auch, dass ich da gute, verlässliche Antworten oder auch nochmal Lösungsvorschläge bekomme. Für all diejenigen, die vielleicht auch ähnlich wie ich eher nicht so quantitativ selbstforschend unterwegs sind, sondern eher nochmal zu überlegen und sich auch selber vielleicht ein Stück weit einzugestehen, kann ich das so richtig, richtig gut oder frage ich jemanden?
Cosima Nellen:
Ich glaube, ohne die Fachkräfte wäre ich auch aufgeschmissen. (lacht)
Welche Fähigkeiten sollte man für das Berufsfeld Projektgestaltung mitbringen?
Michélle Möhring:
Julia, ich frage dich jetzt einfach mal ganz konkret. Wenn jetzt jemand zuhört und denkt, das klingt spannend, könnte ich mir super gut vorstellen, Projektmanagement möchte ich mal ausprobieren. Welche Fähigkeiten sollte man deiner Meinung nach für das Thema Projektmanagement oder dieses Berufsfeld in der Rehapädagogik mitbringen?
Julia Wohlgefahrt:
Das ist ein bunter Blumenstrauß tatsächlich. Also ich würde sagen eine Mischung aus so pädagogischen und technischen, organisationsbezogenen, aber auch so beratenden Kompetenzen. Also ich kann das für meine, ich sag mal eher technisch ausgelegten Projekten sagen, dass man zumindest eine Technik-Neugier oder eine Affinität haben sollte, den Mut haben, neue Dinge auszuprobieren, so ein bisschen „out of the box“ zu denken und Richtung Projektmanagement, aber auch sowas wie Planung der Prozesse auch mit zu berücksichtigen und zu koordinieren, Kommunikationsstärke an verschiedenen Stellen zu haben und gerade wenn man das eher nicht hat, das eben auch für sich zu kommunizieren und tatsächlich dann auch nochmal AdressatInnen-gerecht Wissen zu vermitteln. Also tatsächlich auch die Pädagogik nicht zu vergessen, also den Menschen vor die Technologie zu stellen und dann zu schauen, wie kann man denn eigentlich didaktisch Wissen vermitteln und wie macht das eigentlich Spaß und auch den Mut zu haben, auch vielleicht für sich so ein Nischenthema zu finden und vielleicht sich sogar auf so eine Nische zu spezialisieren und dann auch zu gucken, okay, wie kann denn tatsächlich das, was meine Interessen sind, auch in meinem Berufsfeld auch nochmal verstärkt werden durch Kompetenzen, die ich dann eben erlernt habe.
Michélle Möhring:
Also so zusammenfassend würdest du sagen, eine Mischung aus Organisation, Kommunikation, aber auch Flexibilität.
Julia Wohlgefahrt:
Ja und dann auch eine persönliche Prise aus eigener Frustrationstoleranz und Neugier tatsächlich, also die einzelnen Merkmale von sich selber tatsächlich nicht zu vergessen.
Cosima Nellen:
Ich hätte andere Schwerpunkte gesetzt. Also ich glaube für mich persönlich wären die wichtigsten Aspekte Eigenmotivation, also selber Bock drauf haben, das Projekt machen zu wollen und dann auch gut machen zu wollen und eine Kompetenz in Richtung Planung, also sich selber zu strukturieren, um dann auch Arbeitsprozesse, Projektprozesse für andere mit strukturieren zu können, damit das Projekt tatsächlich auch in der Zeit abgeschlossen ist, die man zur Verfügung stehen hat und auch zu wissen, was mache ich denn jetzt eigentlich den ganzen Tag oder die ganze Woche, weil alles ja auch sehr flexibel ist, wie wir ja schon gesagt haben. Und ohne sich selber da strukturieren zu können, geht es dann einfach nicht, weil man häufig einfach niemanden hat, der einem konkret sagt, du machst heute das. Das muss schon von einem selber kommen. Und die dritte große Sache ist, sich informieren zu können, wie wir auch schon gesagt haben, wenn ich irgendwas nicht weiß. Ich selber habe auch keine Ahnung von Abrechnungen, aber ich weiß, an wen ich mich wenden kann. Ich weiß, wer mir da helfen kann und wer mir helfen kann, bevor irgendwas passiert ist, ich eine Deadline verpasst habe oder ich einer Stiftung gegenüber irgendeine Argumentation bringen muss. Also ich glaube, das ist mit eine Kernkompetenz. Ich weiß nicht, ob ich das als kommunikative Fähigkeit bezeichnen würde. Vielleicht auch so ein bisschen Mut zur Lücke, aber auch dann Mut zu, was mache ich denn aus dieser Lücke. Das ist, glaube ich, für mich mit das Wichtigste.
Wie sind die Jobchancen und Rahmenbedingungen und kann ich bei euch ein Praktikum machen?
Michélle Möhring:
Sagen wir mal, es ist jetzt hier jemand unter unseren Zuhörenden, die oder der sagt, ich kann mir das vorstellen, ich bringe auch die notwendigen Kompetenzen und Fähigkeiten mit. Was sind denn so Jobchancen und Rahmenbedingungen? Cosima, wie sieht es denn aus mit Perspektiven? Wo kann man im Bereich Projektmanagement überall arbeiten und wie sind so auch Einstiegsmöglichkeiten?
Cosima Nellen:
Ich glaube, dass man in allen größeren Sozialunternehmen die Chance hat, Projektarbeit zu machen. Die Frage ist immer, ist es dann reines Projektmanagement oder hat man nebenbei noch andere Aufgaben? Aber aus meiner Erfahrung müssten eigentlich alle größeren Unternehmen die Möglichkeit grundsätzlich haben, Projekte anzubieten, Drittmittel einzuwerben und jemanden einzustellen, der das Projekt umsetzt. Es ist immer einfacher, wenn man vorher schon bei dem Arbeitgeber angestellt war und das mit ins Bewerbungsgespräch beispielsweise mitnimmt und sagt, ich hätte da richtig Bock drauf, ich habe auch schon Erfahrungen und das ist eigentlich der Bereich, wo ich hin möchte. Ansonsten kann man sich natürlich auch frei umhören, wo etwas gesucht wird. Gerade mit dem Masterabschluss kann man sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft Projektmanagement betreiben. Von daher sind da grundsätzlich viele Anlaufstellen möglich. Die Frage ist immer, ob es auch einem gefällt, was die räumliche Distanz angeht oder vielleicht Themenfelder, die nicht hundertprozentig das eigene Interesse treffen, aber zumindest ein Einstieg sind für den Arbeitgeber oder eben für die Projektarbeit.
Julia Wohlgefahrt:
Ich glaube, es ist tatsächlich auch spannend, ob man selber schon beim Träger vom Gesundheits- und Sozialwesen angestellt ist, weil Projekte werden ja von verschiedenen Stellen an verschiedenen Zeitpunkten eingeworben. Das heißt, man kriegt eine Bewilligung und dann werden diese Stellen teilweise ausgeschrieben oder es ist dann schon intern bekannt, wer diese Stellen besetzen möchte. Das heißt also, auch da Mut zu machen, wenn man beim Träger der Eingliederungshilfe zum Beispiel schon irgendwie Connection hat, einmal auch zu fragen, Mensch, gibt es denn sowas auch wie so ein Projektbüro oder gibt es Stabstellen für Digitalisierung meinetwegen oder auch Unternehmensentwicklung, weil da viele Kleinstprojekte auch zusammenlaufen oder auch zum Beispiel beim vediso zu schauen, also im Verein für Digitalisierung oder verschiedenen kleinen anderen Vereinigungen, weil solche Projekte auch immer wieder eingeworben werden und auch da Projektmanagement ist ein Teil von den Sachen, die man originär gelernt hat. Also das heißt, oftmals werden die Stellen auch nicht so ausgeschrieben, wie sie dann tatsächlich auf dem Papier heißen. Das heißt also auch ein bisschen nach links und rechts zu gucken, wir kennen das ja bei der Recherche „und oder“ mit reinzunehmen und dann auch zu gucken, okay, ist es denn was, was ich mir vorstellen könnte, kann ich mir eine Initiativbewerbung auch nochmal vorstellen, bei dem Träger zu stellen. Und auch da, wenn man noch keine Erfahrung hat, das macht es manchmal total spannend für die Akteure auch da mit einem unverstellten Blick auch jemanden zu bekommen, der dann eben auch da unterstützen kann.
Michélle Möhring:
Und wenn jetzt Leute wirklich ganz konkret Interesse haben, kann ich die an euch verweisen? Kann man bei euch ein Praktikum machen? (lacht)
Cosima Nellen:
Ja, das geht. (lacht) Dann gerne einfach an mich eine Mail schreiben oder mich anrufen. Man findet mich ganz gut im Internet. Ich kann mich da leider nicht verstecken. Einfach meinen Namen googlen und mich anschreiben und wir haben häufiger PraktikantInnen, HospitantInnen im ganzen Diakonischen Werk, da wäre es ganz gut, wenn man weiß, mit welcher Zielgruppe man zusammenarbeiten möchte oder wo es grob inhaltlich geht. Ansonsten können wir das auch im Gespräch einmal sortieren und dann kann entweder ich selber die Ansprechperson sein oder würde den Kontakt weitervermitteln.
Julia Wohlgefahrt:
Ja, bei mir geht das auch. Also bei mir ist es so, dass die Projekte tatsächlich, so wie sie jetzt durchgeführt werden, da sind alle Stellen besetzt. Das sind dann eher so Pflichtpraktika, die ich dann an verschiedenen Stellen zur Verfügung stellen kann. Und auch da nochmal Richtung Lotsenfunktion. Wenn eine Bewerbung reinkommt oder wenn ein Anliegen kommt, ich weiß, wo ich dann eben die Interessen oder die Anliegen auch nochmal weitervermitteln kann. Und das mache ich sehr gerne, weil gerade der erste Step in so einem Unternehmen, auch vom Studium dann in das Praxisfeld, der ist nicht immer ganz einfach. Aber da finde ich, sollten wir Rehapäds gut zusammenhalten. Da vermitteln wir wahrscheinlich auch an guten Stellen auch weiter.
Was würdet ihr Studierenden und Schüler*innen mit auf den Weg geben und was würdet ihr eurem früheren Ich im ersten Semester mit auf den Weg geben?
Michélle Möhring:
Wir nähern uns fast dem Ende. Jetzt nochmal Tipps an Studierende, also an unsere Zuhörerinnen und Zuhörer. Zum Abschluss von euch beiden einen kurzen Rat. Was würdet ihr Studierenden oder vielleicht auch SchülerInnen mitgeben, die überlegen, später im Projektmanagement zu arbeiten?
Cosima Nellen:
Ja, das ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil ich auch mehr durch Zufall da gelandet bin, wo ich jetzt gerade bin. Ich glaube, welchen Tipp man ableiten kann, wäre offen zu sein im Studium für neue Inhalte und vielleicht auch für die Möglichkeiten, die einem gegeben werden. Egal, ob es Praktika sind oder Hospitationen in verschiedene Bereiche oder mal mit anderen Alumni in Kontakt kommen oder Einrichtungen. Einfach sich trauen, das Gespräch zu suchen und zu schauen, kann das etwas für mich sein oder auch nicht? Weil der große Vorteil im Studium ist ja, das ist ja ein Bonus. Man muss sich ja jetzt nicht in dem Moment damit beschäftigen und es muss auch nicht hundertprozentig das sein, was man machen möchte. Es ist ja erstmal eine Erfahrung. Und man kann sofort den perfekten Job finden, muss es aber auch nicht. Und ich glaube, da würde ich den Tipp weitergeben, selber mit sich kulant zu sein, offen zu sein und zu überlegen, was ist tatsächlich mein Hauptinteresse, was möchte ich für einen Job haben und in welche Richtung kann es gehen?
Julia Wohlgefahrt:
Ich würde noch als Tipp dazu geben, auch nochmal zu überlegen, welcher Typ bin ich denn eigentlich? Also mag ich so einen 9-to-5-Job, wo ich vorhersehbar klar habe, was zum Beispiel im besonderen Angebot passiert, in der Eingliederungshilfe oder in so einem Beratungssetting oder eben in Projekten, wo ja nicht immer alles so super vorhersehbar ist oder auch wo man so ein bisschen Flexibilität auch zeigen muss. Also für sich auch nochmal klar, auch das Ausprobieren nochmal mitzunehmen. Also bin ich tatsächlich so vorgezeichnet, dass ich weiß, ich möchte morgens um acht ganz genau wissen, was am Tag so ansteht? Oder schaffe ich es tatsächlich, mich auch für so einen Zeitrahmen von zwei Jahren, von drei Jahren auf was ganz Neues einzulassen, weil ich vielleicht dann einfach nochmal einen anderen Rahmen und vielleicht auch neue Fähigkeiten und Merkmale von mir selber kennenlerne. Also das ist dieser vorgezeichnete Weg, den man ja oft schon kennt und dadurch, dass Rehapäd ja da wirklich so ein vielfältiger Ausbildungs- beziehungsweise so ein Tätigkeitsfeld ist, man darf sich wohl auch bei verschiedenen Stellen und Anbietern auch tatsächlich ausprobieren. Also go for it.
Michélle Möhring:
Daran kann ich vielleicht meine allerletzte Frage anschließen, die wir wahrscheinlich jeder Person hier in diesem jetzt noch neuen Format, in diesem neuen Podcast stellen werden. Was würdet ihr eurem früheren Ich im ersten Semester des Studiums mit auf den Weg geben? Julia, magst du mal starten?
Julia Wohlgefahrt:
Freu dich am Lernen. Denke groß tatsächlich. Also wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, was sich innerhalb jetzt von wenigen Jahren sich so auch auf der Berufstreppe so ergeben hat, was sich dann auch wirklich mit Leichtigkeit genommen habe, das hätte ich mir jetzt nicht denken können vor noch ein paar Jahren. Also ich bin jetzt zum Beispiel berufene Expertin für eine Expertinnengruppe der Aktion Mensch. Das hätte ich vor Studienbeginn gar nicht für möglich gehalten. Und auch so, dass ich das jetzt machen darf, was ich wirklich, wirklich gerne mache und dass Arbeiten nicht nur ein Geld verdienen und das Geld am Ende des Monats auf dem Konto habe, sondern dass es wirklich Spaß macht. Und manchmal schicke ich so Snippets zu meinen Freunden noch aus dem Studium und sage, guck mal, was ich gerade mache. Damit verdiene ich gerade mein Geld. Ist das nicht witzig? Und das freut mich einfach so, dass man tatsächlich auch Sachen machen kann, die einem wirklich Spaß machen und wirklich denke groß und das, was es noch nicht gibt, tatsächlich auch einfach auszuprobieren. Und man ist nicht vorgezeichnet, sondern man kann sich die Wege immer wieder neu legen. Und wenn mir das vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich jetzt an der Stelle, wo ich jetzt stehe, die Schritte mir selbst erarbeitet habe und dass ich da wirklich auch zurückblicken kann und so stolz sein kann, dass das so funktioniert hat. Also hätte ich das im Vorhinein gewusst, dann hätte ich mir, glaube ich, nicht so einen Stress gemacht währenddessen. Aber ja, wirklich, der Weg ist das Ziel und genieß den Weg dahin.
Cosima Nellen:
Da kann ich ganz gut anschließen, weil ich glaube, ganz persönlich würde ich meinem Erstsemestaner-Ich sagen, mach dir keinen Stress. Du musst nicht jetzt schon wissen, was du nachher damit anfangen möchtest. Lass alle kritischen Fragen beiseite. Du findest deinen Weg auch durch das Studium. Du musst nicht auf ein ganz bestimmtes Ziel hinarbeiten, sondern das Ziel darf sich auch erst im Studium ergeben. Und das ist vollkommen in Ordnung. Und es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn sich das Ziel im Verlauf verändern sollte. Nimm das Studium einfach als Erfahrungsmöglichkeit und du findest deinen Weg.
Verabschiedung
Michélle Möhring:
Ja, ganz, ganz, ganz lieben Dank. Tausend Dank an euch beide. Ich finde, ihr habt wunderbare und richtig spannende Einblicke in dieses Berufsfeld Projektmanagement gegeben. Ich glaube, man hat sehr, sehr gut gesehen, wie vielfältig Projektmanagement in der Rehabilitationspädagogik ist und auch sein kann und dass es viel mehr ist als nur Planung, nämlich vor allem auch die Arbeit mit Menschen und Ideen. Ich finde, das ist bei euch beiden total gut rübergekommen. Und ja, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn euch die Folge gefallen hat, dann schaut doch gerne mal auf unserer RehaLand-Seite vorbei. Dort findet ihr auch noch weitere Einblicke in die verschiedensten Berufsfelder und es folgen irgendwann auch noch weitere Podcast-Folgen. Bis bald!









